Montag, 30. März 2020

Die erste Fahrt 2020 - die letzte vor der Corona-Pause

Bei unserer vergangenen Fahrt nach Odessa ist sehr kurzfristig Ringo als LKW-Fahrer als Ersatz eingesprungen. Über die Fahrt hat er einen sehr persönlichen Bericht geschrieben:

Als ich Anfang Oktober 2019 den Aufruf über die Fahrersuche für einen Hilfstransport bei Facebook gelesen habe, dachte ich: „Das ist genau das was du schon immer einmal erleben wolltest!“ also ran an die Tasten und die erste Kontaktaufnahme per E-Mail erfolgte.

Kurze Zeit später klingelte auch schon das Telefon. Auch wenn sich inzwischen ein Fahrer gefunden hatte, wie mir Christian mitteilte, wollte ich trotzdem an der Sache dranbleiben und wir tauschten die Kontaktdaten aus und Christian sagte: „wir melden uns auf jeden Fall bei dir“.

Es war spät am Abend des 2. März 2020, als das Telefon klingelte. Christian war wieder dran und sagte, dass wieder ein Fahrer kurzfristig ausgefallen sei und er wieder dringend Ersatz brauche. Nach kurzem Überlegen sagte ich zu und am 5. März ging es schon in Kirchheim los

Ringo - der Mann mit der gelben Jacke.
Dort habe ich fix die Zugmaschine übernommen und in Eisenach bei Raben einen Auflieger abgeholt und dort Uwe mit dem anderen LKW getroffen mit welchem ich die Tour zusammen bestreiten sollte – auch wenn wir uns vorher nicht kannten, verstanden haben wir uns von Anfang an.

Gemeinsam sind wir bis Hildesheim gefahren, wo Ingo den anderen LKW zum Vorladen der Hilfsgüter in Bielefeld übernommen hat. Ab diesem Zeitpunkt waren Uwe und ich ein Team. Unser nächstes Ziel war Süderlügum, direkt an der dänischen Grenze, wo wir gegen Mitternacht ankamen.

Am nächsten Nachmittag begann die Beladung vom Krankenbetten, Rollstühlen sowie weiterem, dringend benötigtem Kleinmaterial das von Round Table eingesammelt und zwischengelagert wurde.

Durch die vielen Helfer waren wir in zwei Stunden fertig, und haben uns am Abend auf dem Weg nach Hannover gemacht, wo der Konvoi am nächsten Tag starten sollte.

Pünktlich zehn Uhr waren die LKWs zwei mit Ingo und Nils und drei mit Peter und Hinrich eingetroffen, auch hier wurde ich als „Neuling“ sofort aufgenommen, als wenn wir uns schon viele Jahre kennen würden.

Gegen elf Uhr setzten wir uns mit drei Fahrzeugen in Bewegung Richtung Odessa (Ukraine) und erreichten ohne größere Probleme gegen 23 Uhr die ukrainische Grenze.

Alles fertig machen und...
...aufsitzen!
Peter musste etwas mit den Behörden verhandeln, da sich in Sachen Abfertigung wieder einige Neuerungen ergeben haben. Kurze Zeit später ging es an den wartenden LKW vorbei und wir standen auf dem Zollhof wo ich dann die „Motivation“ der Zoll-Mitarbeiter kennenlernen durfte, aber auch hier zeigte sich die Erfahrung von Peter Skiba welcher immer eine Lösung für Probleme hat (Peter, dafür bewundere ich dich immer noch wie ruhig und gelassen du da bleibst!) und so verging die gesamte Abfertigungszeit von gerademal 14 Stunden wie im Flug.

Gegen 15 Uhr am Sonntag hatten wir dann die Verzollung geschafft und setzten uns wieder in Bewegung, um die restlichen knapp 800 km zurückzulegen.

Nach einem kurzen Abendessen in einem typisch ukrainischen Restaurant ging es weiter über die Holperpiste bis zur ersten Polizeikontrolle in welcher uns mitgeteilt wurde, dass wir über eine für LKW gesperrte Straße gefahren sind. Da das Verbotsschild in einem Baum angebracht war, konnten wir dies natürlich nicht sehen.
Als Team haben wir ins Zeug gelegt und den Beamten erklärt, dass wir als Freunde hier sind und Gutes tun – nach einer halben Stunde durften wir dann auch weiterfahren. (ja Peter, auch dort habe ich dich wieder für deine Ruhe bewundert!).

Inzwischen waren es noch ca. 80 km als wir kurz vor Odessa nochmals in eine Kontrolle kamen, hier war die Sache schon etwas verzwickter, aber auch hier hatte Peter wieder die Ruhe weg und einen Plan im Hinterkopf, welcher greifen würde, sollte es keine Weiterfahrt geben (Danke, Peter!). Nach einer weiteren Stunde Verzögerung kamen wir gegen 13 Uhr im Zollhafen von Odessa erschöpft aber glücklich an, wo uns Vitali empfangen hat und uns in unsere Unterkunft brachte.

Natürlich wollten wir die Stadt stehen, also schnell frisch machen und los ging‘s. Ich war erschrocken wie groß hier die Kluft zwischen arm und reich ist. Was ich aber noch schlimmer fand: von den Leuten, die in den Straßen zu sehen waren, hatte keiner auch nur ein kleines Lachen im Gesicht. Alle mit ernstem Gesicht und teilweise den Blick zum Boden gerichtet als würden sie sich unterdrückt fühlen, das hat mich schon beschäftigt. Auch im Restaurant, kaum eine Möglichkeit mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
 
Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück zum Entladen. Vitali und seine Freunde hatten bereits alles vorbereitet, es waren unzählige Sachen an Hilfsgüter für Krankenhäuser usw. an Bord, insgesamt haben wir knapp 20 Tonnen Material übergeben. Auch wenn alle Beteiligten beim Entladen wieder kein Lachen im Gesicht hatten, konnte man Ihnen die Dankbarkeit über die Überbringung der Hilfsgüter ansehen. 
 
Entladung in Odessa
Es macht einen schon nachdenklich in was für einer Wegwerfgesellschaft wir leben. Der größte Teil der Sachen ist noch vollkommen heil und es gibt eigentlich keinen Grund, die Dinge auszutauschen oder wegzuwerfen.
Jedoch gibt es oft Gründe in Deutschland, warum Sachen, die noch gut sind, ausgetauscht werden müssen.

Gegen 17 Uhr waren wir wieder in unserer Unterkunft, nach einem gemeinsamen Abendessen in der Stadt sollte am Mittwoch früh um 10 Uhr die Abfahrt nach Deutschland sein, was aufgrund von Tanken und langer Verabschiedung der neu gewonnenen Freunde etwas länger dauerte.
Bis zur Grenze Ukraine-Polen kamen wir gut und ohne Verzögerung voran, jedoch war ich wieder überrascht, dass man für die knapp 800 km aufgrund der Straßenverhältnisse 16 Stunden einplanen muss.

An der Grenze angekommen legte sich Peter wieder voll ins Zeug, aber diesmal konnte er nichts ausrichten, die Grenze sollte für die nächsten 36-48 Stunden geschlossen bleiben.
Wir entschieden, bis zum Morgen zu schlafen. Ich hatte „Grenzdienst“ und blieb wach.

An der Grenze - mal wieder warten...
Wie von Geisterhand wurden die Tore zur Grenze auf einmal geöffnet und bevor diese wieder geschlossen wurde, rückten wir nach und standen auf dem Zollhof in der langen Schlange.

Abgesehen von den bekannten Hürden und teilweise sinnlosen Wegen zwischen den einzelnen Stationen konnten wir die Zöllner – das ist uns schon bei der Hinfahrt aufgefallen – immer wieder Mal beim Solitär-Spielen beobachten.
Wir mussten selbstverständlich immer vor der Station warten. Mit viel Glück dauerte es nur zehn Minuten und wir wurden begrüßt mit „hast du Alkohol dabei?“ was ich natürlich verneinte. Teilweise einigte man sich auf eine Zigarette und man bekam den benötigten Stempel für die nächste Station. Trotz leerer Fahrzeuge hat die Abfertigung ganze acht Stunden gedauert.

Gegen 8 Uhr konnten wir endlich den europäischen Boden auf polnischer Seite wieder betreten, noch fix durch die Röntgenanlage, Fieber messen – Corona hatte weite Teile Europas schon fest im Griff – und wir setzten uns geschlossen in Bewegung in Richtung deutscher Grenze.

Nach einer Stunde Fahrt war es Zeit für ein Frühstück unter freiem Himmel auf einem Parkplatz, jeder holte seine letzten Verpflegungsvorräte raus und wir genossen die Sonnenstrahlen.
Gegen 18 Uhr erreichten wir die deutsche Grenze. Nachdem wir die Mautgeräte abgegeben hatten war es Zeit für die erste Verabschiedung von Fahrzeug eins: Peter und Hinrich hatten das Ziel Berlin, wo beide noch am Abend die nächsten Spenden einsammeln wollten.

Für uns ging es weiter, vorbei an meiner Heimat in Richtung Kirchheim, in Höhe Erfurt war dann der Abschied von Nils und Ingo bei einem letzten Kaffee.

Wir erreichten unser Ziel Kirchheim gegen 1.30 Uhr, wo mich Uwe dort absetzte, wo mein Abenteuer vor 8 Tagen begonnen hat, ich packte meine Sachen und verabschiedete Uwe welcher noch bis Frankfurt musste, wo er am Freitag früh den LKW abgeben wollte.
Es folgte meine 3 stündige Heimfahrt mit dem PKW nach Dresden, wo ich gegen 6 Uhr ankam und von meiner Familie glücklich ich den Arm genommen wurde.

Zusammenfassend, auch wenn es teilweise anstrengend war: es war eine Woche voller neuer Eindrücke und Abenteuer in einem super Team, wo ich von Anfang an mit offenen Armen aufgenommen wurde. 
 
Nicht mehr benötigte Materialen in Länder zu bringen, wo es auf jede Hilfe ankommt, finde ich eine super Idee. Ich hoffe und denke, dass sich in nächster Zeit weitere Möglichkeiten ergeben und ich somit noch andere Länder kennenlernen darf, welche die Hilfe des Freunde helfen! Konvoi dringend benötigen und vielleicht bin ich wieder als Teil des Teams mit am Start.

Danke, Freunde! 

Danke, Ringo!

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